Nach dem Krieg mit Iran: Sicherheit wird in Israel zum Luxusgut der Reichen
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ParsToday – Der Krieg gegen Iran hat in Israel einen neuen Markt geschaffen: Schutzräume und „sichere Zimmer“ werden inzwischen wie Gold gehandelt. Sicherheit ist zum exklusivsten Besitz der wohlhabenden Bevölkerungsschicht geworden.
(last modified 2025-11-06T16:48:02+00:00 )
Nov 05, 2025 20:07 Europe/Berlin
  • Nach dem Krieg mit Iran: Sicherheit wird in Israel zum Luxusgut der Reichen
    Nach dem Krieg mit Iran: Sicherheit wird in Israel zum Luxusgut der Reichen

ParsToday – Der Krieg gegen Iran hat in Israel einen neuen Markt geschaffen: Schutzräume und „sichere Zimmer“ werden inzwischen wie Gold gehandelt. Sicherheit ist zum exklusivsten Besitz der wohlhabenden Bevölkerungsschicht geworden.

Während des jüngsten Krieges zwischen Israel und Iran zeigten sich in den besetzten Gebieten beispiellose Szenen. Laut einem Bericht von FarsNews wurden Gebäude zerstört, Millionen Menschen suchten in überfüllten Schutzräumen Zuflucht – doch für viele gab es keinen Platz mehr.

Hebräische Medien berichteten, dass während des Krieges zahlreiche Bunker geschlossen wurden – teils aus rassistischen Gründen, teils aufgrund von Nachlässigkeit der Behörden.

Jetzt, da Premierminister Benjamin Netanjahu eine neue Kriegsrunde erwartet, lässt seine Regierung sogenannte „sichere Zimmer“ in Wohnhäusern ausbauen und standardisieren. Dafür werden neue Budgets bereitgestellt. Doch die zentrale Frage bleibt: Können Beton und Stahl ein dauerhaftes Sicherheitsgefühl in einem Regime schaffen, das ständig unter Bedrohung steht? Oder werden diese Räume zu „goldenen Käfigen“, die das Leben verteuern und soziale Ungleichheit vertiefen, ohne die ständige Angst vor Sirenen und Raketen zu beseitigen?

Vom öffentlichen Schutzraum zum Luxusgut

Israel verfügt über eines der komplexesten Luftabwehrsysteme der Welt. Das Konzept des „häuslichen Schutzraums“ geht jedoch auf das Jahr 1969 zurück, als ein Baugesetz den Einbau gemeinsamer Schutzräume in Gebäuden vorschrieb. Mit jedem Krieg und jeder neuen Bedrohung wurde diese Pflicht ausgeweitet, bis nach den irakischen Raketenangriffen auf Tel Aviv im Jahr 1991 ein Gesetz erlassen wurde, das Bauunternehmen verpflichtete, in jeder Wohnung ein „sicheres Zimmer“ zu errichten.

Diese Räume bestehen aus Stahlbeton mit 30 cm dicken Wänden, explosionssicheren Türen und Fenstern sowie einem unabhängigen Belüftungssystem. Einige verfügen sogar über chemische Filter. Doch entscheidender war: Sicherheit wandelte sich von einem öffentlichen Recht zu einer käuflichen Ware.

Wohnungen mit solchen Räumen wurden teurer, und Bauunternehmen begannen, „Sicherheit“ wie einen Luxusfaktor zu vermarkten – ähnlich wie eine schöne Aussicht oder ein Aufzug. Damit verlagerte sich die Verantwortung für den Schutz der Bevölkerung von der Regierung auf die einzelnen Familien.

Mit zunehmenden Kriegen und Raketenangriffen – besonders nach dem Gaza-Krieg und dem direkten Konflikt mit Iran – rückten diese Räume wieder in den Fokus. Sie gelten nun als Symbol „familiärer Sicherheit“. Doch Statistiken zeigen, dass bis Ende 2024 nur etwa 56 Prozent der israelischen Haushalte über solche Räume verfügen – überwiegend in jüdisch geprägten, wohlhabenden Gebieten, nicht aber in arabischen oder älteren Stadtvierteln.

Immobilienmarkt unter Raketenbeschuss

Das Vorhandensein eines sicheren Raumes ist heute der wichtigste Preisfaktor auf dem israelischen Wohnungsmarkt. Wohnungen mit Schutzraum werden 20 – 30 Prozent teurer verkauft als vergleichbare ohne. Auch bei der Miete sind die Unterschiede deutlich: In dem besetzten Jerusalem kostet eine Wohnung mit Sicherheitsraum etwa 8 000 Schekel monatlich, während eine vergleichbare Wohnung ohne solchen Raum rund 5 000 Schekel kostet. Der Bau dieser Räume erhöht die Baukosten um 12 – 15 Prozent.

Nach den massiven Raketenangriffen auf Tel Aviv und Haifa verdoppelte sich die Nachfrage. So wurde „Haussicherheit“ zu einem lukrativen Geschäft – viele nennen es mittlerweile das „Geschäft mit der Angst“.

Soziale Kluft in der Sicherheit

Bereits Monate vor dem Angriff am 7. Oktober kürzte die Netanjahu-Regierung Zuschüsse und Kredite für den Bau sicherer Räume. Diese Entscheidung vertiefte die Sicherheitskluft. In Regionen wie der Negev-Wüste, wo arabische und beduinische Bürger leben, gibt es fast keine öffentlichen Schutzräume. Auch im Norden bleiben viele Siedlungen verwundbar.

Obwohl seit 1992 vorgeschrieben ist, dass alle Neubauten über Sicherheitsräume verfügen müssen, sind ältere Häuser weiterhin ungeschützt. Laut offiziellen Daten haben noch immer rund 28 Prozent der Israelis keinen Zugang zu einem Schutzraum. Das bedeutet: Selbst in einem Regime, das sich mit „der sichersten Armee der Welt“ rühmt, ist Sicherheit zu einem Klassenprivileg geworden.

Neue Kosten – alte Ängste

Nach dem jüngsten Krieg mit Iran beschloss das israelische Parlament, die Größe der Schutzräume zu erweitern und Toiletten einzubauen, um längere Aufenthalte zu ermöglichen. Kugelsichere Türen, dickere Wände und Stahlventile kennzeichnen die neue Generation solcher Räume. Doch jede Neuerung treibt die Baukosten weiter in die Höhe – und verschließt der Mittel- und Unterschicht den Zugang zu dieser „Sicherheit“.

Wie hebräische Medien berichten, zeigten die iranischen Angriffe im vergangenen Sommer dennoch die Grenzen dieses Systems: 24 Israeli kamen ums Leben, einige von ihnen befanden sich zum Zeitpunkt des Einschlags in ihren „sicheren Räumen“. Beton und Stahl sind also keine absolute Garantie.

Eine Gesellschaft im Dauerzustand der Angst

Israelische Sozialwissenschaftler sprechen von einer „Notstandsmentalität“, die die Gesellschaft in einem permanenten Schwebezustand zwischen Krieg und Frieden hält.

Daniel Bar-Tal, Professor für politische Psychologie, sagt: „Die Israelis leiden unter chronischer Unsicherheit, weil ihr Staat seit seiner Gründung durch reale und imaginäre Feinde definiert wurde. “ Wenn Unsicherheit zu einem kollektiven Glauben wird, verankert sie sich in Kultur und Politik – und wird zu einem Instrument der Kontrolle.

Israels politische Führer halten die Bevölkerung durch Übertreibung von Bedrohungen geeint und gefügig. Zugleich bleibt die historische Erinnerung an die nationalsozialistische Vernichtung im kollektiven Unterbewusstsein lebendig – jede neue Gefahr erscheint dadurch noch bedrohlicher und hält die Gesellschaft in ständiger Alarmbereitschaft.

Kollektiver psychischer Zusammenbruch

Neue Studien aus dem Jahr 2024 zeigen: Nach dem Gaza-Krieg und dem direkten Konflikt mit Iran haben sich Depressionen und Angststörungen unter Israelis verdoppelt. Rund 30 Prozent leiden an posttraumatischen Belastungsstörungen, über 40 Prozent an Depressionen. Das israelische Gesundheitssystem ist überfordert. Viele Bewohner des Nordens und Südens sind geflohen; die Zahl der Binnenflüchtlinge wird inzwischen auf eine halbe Million geschätzt.

Goldener Käfig oder echtes Zuhause?

Ältere Siedler sagen, dass ein Leben in Schutzräumen ohne Hoffnung sinnlos sei. Für sie erinnern diese Räume eher an die Höhlen des Zweiten Weltkriegs oder an die Schrecken der Konzentrationslager – nicht an Sicherheit. Was die Regierung als Symbol der Stärke präsentiert, ist für viele Menschen ein Symbol der Zerbrechlichkeit.

Wer einmal unter Bomben gelebt hat, weiß: Sicherheit bedeutet nicht Beton und Stahl, sondern Gerechtigkeit.

Und die Palästinenser – die wahren Eigentümer dieses Landes – wissen es am besten: Die Antwort auf Angst und Unsicherheit liegt nicht im Bau weiterer Bunker, sondern im Ende der Belagerung und der Besatzung.

Erst wenn die Besatzung endet und das Land seinen rechtmäßigen Besitzern zurückgegeben wird, wird niemand mehr Stahltüren oder Betonschutzräume brauchen – denn wahrer Frieden ist weder käuflich noch aus Beton zu bauen. Frieden ist die Frucht der Freiheit.