Interview mit Professor Udo Steinbach
“...Ich habe viele türkische Freunde über Jahre gefragt, was sie davon halten? Sie haben gesagt, der Mann ist ein “Schaf im Wolfsfell.” Meine türkischen Freunde haben immer gesagt: “Du sprichst positiv über Erdogan, Du wirst eines Tages bitter erwachen”. Das ist jetzt geschehen.”
ParsToday: Herr Prof. Steinbach, ich darf Sie ganz herzlich begrüßen zu diesem Interview!
Steinbach: Einen herzlichen Gruß nach Teheran!
ParsToday: Herr Prof Steinbach, nach dem gescheiterten Putschversuch sieht sich der türkische Präsident Erdogan offenbar in einem Machtrausch. Unmittelbar nach dem Scheitern des Putschs ordnete er die Verhaftung von vielen Generälen, Offiziern, die Schließung von Privatschulen, denen nachgesagt wurde, zu der Gülen-Bewegung Kontakt unterhalten zu haben. Er hat aber auch Ausmnahmezustand über das ganze Land verhängt, er tritt für die Wiedereinführung der Todesstrafe ein. Wie beurteilen Sie die neuen Entwicklungen in diesem Land?
Steinbach: Ja, die aktuellen Entwicklungen sind sehr niederschmetternd, muss ich sagen. Als jemand, der die Türkei seit langem Kennt, ist das eine fürchtbare Enttäuschung. Umso mehr, als Herr Erdogan selber vieles dazu beigetragen hat, nach 2003, als er an die Macht kam, die Türkei zu entwickeln, die Türkei auf die Richtung Europas zu führen, die Türkei zu demokratisieren, etwa im Zeitraum 2003 und 2004 und 2011 oder 2013. Also, da hat man wirklich den Eindruck, hier steht eine neue Türkei, eine europäische Türkei. Die ersten Bedenken kamen nach den Wahlen von 2011. Da wurden mit einem Mal doch stärker die Religion wieder hervorgehoben. Da wurde auch mit einem Mal wieder die türkisch-nationalistische Karte gespielt. Vorher hatte man vor allen Dingen im Bereich der krdischen Frage versönliche Signale gehört. Aber nach 2011 hörte man dann mal wieder militante anti-kurdisch, türkisch-nationalistische Slogens. Der erste Höhepunkt war dann, wo wirklich die Hose herunter gelassen worden ist. Das war der Sommer 2013. Das war der berühmte oder berüchtigte Bewegung mit dem Gazi-Parkt, als Menschen aufstanden, gegen die Pläne der Regierung zu demonstrieren, Gazi-Park in Istanbul zu bebauen. Das wurde niedergeschlagen, halbes Jahr später, im Dezember 2013. Dann die Korruptionsvorwürfe gegen das Umfeld von Erdogan, einschließlich seines eigenen Sohnes, was dann dazu führte, dass die Justiz blockiert wurde und die Pressefreiheit eingeschränkt wurde. Also, was jetzt geschehen ist, was Sie vorhin angedeutet haben, das ist im Grunde die Fortsetzung, zwar massive Fortsetzung, von einer repressiven Politik, die wir seit 2013 ganz deutlich spüren und die natürlich in 2015 dann schon mal einen Höhepunkt erreicht hat – wenn Sie so wollen – als im Juni 2015 gewählt worden ist. Das passte Herrn Erdogan nicht, dann brach er den Kurdenkonflikt vom Zaun, um ein besseres Wahlergebnis zu haben, das ihm seine Pläne ermöglichte, Prösident zu werden. Das war im November 2015. Was wir jetzt erleben, ist eben ein weiterer Höhepunkt, ein Skandal und eine riesige Enttäuschung für viele Menschen, die Türkei auf dem Weg nach Europa gesehen haben.
ParsToday: Was hat ihn zu diesem Kurswechsel veranlasst?
Steinbach: Ich glaube, es ist irgendwo in dem Mann selbst, in seiner Menalität. Ich habe viele türkische Freunde über Jahre gefragt, was sie davon halten? Sie haben gesagt, der Mann ist ein “Schaf im Wolfsfell.” Meine türkischen Freunde haben immer gesagt: “Du sprichst positiv über Erdogan, Du wirst eines Tages bitter erwachen”. Das ist jetzt geschehen. Ist es seine Herkunft? Ist es möglicherweise eine mentale Disposition? Ist es ein Machiavellismus finsterster Art? Machiavellismus fällt mir ja manschmal ein. Man hat ein Ziel, das Ziel heißt die “neue Türkei”. Dieses Ziel, diese neue Türkei, ist eine Türkei, die islamisch sein soll, die machtvoll sein soll, die ökonomisch erfolgreich sein soll. Mit Blick auf das Jahr 2023. 2023 ist 100 Jahre “Türkische Republik”, dann wird er der Präsident der “Türkischen Republik” sein, einer erneuten Republik, die anders aussehen wird, als die kamalistische Republik, die vor einhundert Jahren gegründet worden ist.
Also, es ist ein Bündel von Argumenten, das man vortragen kann. Wenn man sich fragt, wie kommt es zu diesem Wandel, von einem westlich orientierten Erdogan, demokratisch gesinnten Erdogan, zu einem Dispoten, zu einem Diktator, der das Volk in einen Bürgerkrieg führt, im Jahr 2015 gegen die Kurden. Jetzt noch einmal, eine Art von bürgerkriegsartigen Situationen entstehen lässt, mit Blick auf das, was Sie eingangs gesagt haben, mit Blick auf die totale Repression, die wir erleben.
Anmerkung: Interview in voller Länge im Audio!
Das Interview wurde am 24. Juli aufgezeichnet.
Seyyed-Hedayatollah Shahrokny