Interview mit Jochen Hippler
„Dieses Mal war es ein überhasteter und ein wirklich dilettantisch durchgeführter Putsch. Es scheint aber so zu sein, als ob der Zeitpunkt damit zusammenhängt, dass im August jetzt bestimmte Beförderungen oder Pensionierungen von Offizieren vor der Tür gestanden haben und dass diese Offiziere die Macht nicht aufgeben wollten und sich vorher tatsächlich noch durch den Putsch die ganze Macht sichern wollten."
ParsToday: Herr Dr. Hippler, ich darf Sie ganz herzlich begrüßen zu diesem Interview!
Hippler: Einen schönen Tag!
ParsToday: Herr Dr. Hippler, nach dem gescheiterten Putschversuch kommt die Türkei nicht zur Ruhe. Fast täglich hört man über neue Verhaftungen, über neue Entlassungen. Das ist das eine. Das andere ist, dass die Gefechte zwischen der türkischen Armee und den PKK-Kämpfern in letzter Zeit an Intensität zugenommen haben. Man kann nun kaum durchblicken, welchen Weg das Land letztlich gehen wird. Was glauben Sie, Herr Hippler, dazu?
Hipper: Nun, Sie haben recht mit der Beschreibung. Wir haben eine sehr starke Verschärfung in der innenpolitischen Lage der Türkei, nach dem gescheiterten Putschversuch. Wir haben auf der einen Seite tatsächlich, aber seit jetzt schon anderthalb Jahren, die Zunahme der Kämpfe mit den Kurden. Das hängt damit zusammen, dass Herr Erdogan damals den Friedensprozess beendet hat, dass er die vorletzten Wahlen verloren hatte und im Inneren dadurch eine Unterstützung vergrößern wollte. Und zweitens haben wir die Situation jetzt nach diesem gescheiterten Putschversuch, dass Herr Erdogan bemüht ist, die gegenwärtige Lage zu nutzen, um seine innenpolitisch, persönliche Machtposition zu verstärken. Das heißt, dieser Putschversuch war sicher eine Katastrophe für die Türkei. Jeder muss froh sein, dass er gescheitert ist, dass sich die meisten Menschen in der Türkei dagegen gewandt haben. Das ist eine sehr gute Erfahrung gewesen. Jetzt im Moment ist es tatsächlich das Problem, dass Erdogan versucht, das jetzt auszunutzen, um innenpolitische Gegner auszuschalten, unter Vorwänden, die mit dem Putsch zusammenhängen, aber weit darüber hinaus gehen.
ParsToday: Herr Dr. Hippler, der Putsch kam ganz unerwartet. Was hat Ihrer Meinung nach dazu geführt?
Hippler: Der Putsch kam in gewisser Weise unerwartet, aber wir wussten schon, dass es natürlich auch große Unzufriedenheit bei Teilen des Militärs gegeben hat. Das Besondere an dem Putsch – wenn ich das so sagen darf – ist nicht vielleicht zu sehr der Überraschungsmoment gewesen, wenn auch über den Zeitpunkt alle erstaunt gewesen sind, sondern wie unglaublich dilettantisch und schlecht er vorbereitet gewesen ist. Das heißt, das türkische Militär hat ja nicht zum ersten Mal geputscht, sondern schon dreimal zuvor. Damals waren diese Putsche professionell, wenn sie auch jedes Mal für die Türkei eine Katastrophe gewesen sind. Sie waren aber – technisch gesehen - professionell vorbereitet. Dieses Mal war es ein überhasteter und ein wirklich dilettantisch durchgeführter Putsch. Es scheint aber so zu sein, als ob der Zeitpunkt damit zusammenhängt, dass im August jetzt bestimmte Beförderungen oder Pensionierungen von Offizieren vor der Tür gestanden haben und dass diese Offiziere die Macht nicht aufgeben wollten und sich vorher tatsächlich noch durch den Putsch die ganze Macht sichern wollten. Aber das Besondere war wirklich die unglaublich schlampige und unprofessionelle Art des Putschversuchs.
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Anmerkun: Das Interview in voller Länge im Audio!
Das Interview wurde geführt von: Seyed-Hedayatollah Shahrokny
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Jochen Hippler (* 13. Mai 1955 in Duisburg) ist ein deutscher Politikwissenschaftler und Privatdozent am Institut für Entwicklung und Frieden der Universität Duisburg-Essen
Er machte sein Diplom 1980 in Sozialwissenschaften und promovierte 1986 in Politikwissenschaften. Er habilitierte sich 2007 in Politikwissenschaften mit dem Schwerpunkt Internationale Beziehungen. Zeitweise war er auch Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Deutschen Bundestag (1985–1990, 1998–1999). Von 1993 bis 1995 war er Direktor des Transnational Institutes (TNI) in Amsterdam. Seit 2000 ist er an der Universität Duisburg-Essen zugegen.
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