Interview mit Dr. Mohssen Massarrat
"Ich glaube, dass Iran gute Gründe hat, in die Offensive zu gehen und Gesprächsbereitschaft in Erwägung zu ziehen, weil Iran [...] als Bedingung für Gespräche einbringen kann [...] z.B. über die Bereitschaft der USA zur Abrüstung im Mittleren und Nahen Osten zu reden."
ParsToday: Herr Professor Massarrat, seit der Attacke auf zwei Öltanker im Golf von Oman am Donnerstag dem 13. Juni ist die Lage in den Beziehungen zwischen dem Iran und USA angespannt. Eine weitere Verschärfung erfuhr sie nach dem Abschuss einer US-Spionagedrohne über dem iranischen Luftraum. Dazu höre ich gerne zunächst Ihre Einschätzung.
Massarrat: Ja, die Lage ist in der Tat angespannt. Auch hier in Deutschland sind Experten beunruhigt und schließen es nicht aus, dass zumindest durch ein fahrlässiges Verhalten - von welcher Seite auch immer – der Ausbruch des Krieges eingeleitet wird, der durch die amerikanische Seite vor allen Dingen, seit Wochen vorangetrieben wird. Diese Lage ist in der Tat sehr gefährlich. Es steht fest, die Kriegstreiber sitzen im Weißen Haus und suchen nach einem Vorwand, um die Weltöffentlichkeit auf ihre Seite zu ziehen. Ich glaube, dass hier bei diesen Provokationen die iranische Seite auch sehr vorsichtig reagieren müsste. Sie müsste transparent sein. Sie müsste alle Vorfälle - soweit es geht - dokumentieren, die Widersprüche selbst zutage bringen. Sie müsste Untersuchungen einleiten und diese der Weltöffentlichkeit bekanntgeben, weil es in Europa und auch in Amerika natürlich immer Medien gibt, die sich ziemlich schnell auf die Seite der amerikanischen Darstellung stellen und versuchen der Weltöffentlichkeit die Vorfälle aus der Sicht der amerikanischen Seite dargestellt zu vermitteln. Das muss - glaube ich - sehr sorgfältig von der iranischen Seite widerlegt werden, damit nicht der Eindruck entsteht, dass einer dieser Vorfälle in der Tat von Iran ausgeht.
ParsToday: Herr Professor Massarrat, Sie sagten gerade, dass die Kriegstreiber im Weißen Haus sitzen. Aber wir haben auch auf der anderen Seite immer wieder von Präsident Trump gehört, dass er keinen Krieg mit dem Iran wolle. Ist diese Sache inzwischen hinfällig?
Massarrat: Es ist nach wie vor so, dass man von ihm selbst nicht Handlungen erfährt, die auf einen "de Ziel enten" Krieg, den er will, hindeuten. Aber er ist als Präsident auch getrieben. Er handelt gerade im militärstrategischen Bereich nicht selbstständig. Seine Berater beeinflussen ihn sehr. Und es kann durchaus sein, dass er irgendwann zu deren echten Informant wird und dass er genauso wie John Bolton, genauso wie Mike Pompeo, denkt, und dann ist die Front geschlossen. Und dann kann man davon ausgehen, dass Trump gegen seinen ursprünglichen Willen selbst zum Kriegstreiber wird. Diese Gefahr ist da. Teil der Medien in den USA ist ohnehin für einen Krieg, weil der militärindustrielle Komplex überhaupt kein Problem hat mit einem Krieg, sondern ganz im Gegenteil, einen Krieg seit langem gegen Iran plant und befürwortet. Die Atmosphäre, die mediale Vorbereitung eines Krieges, ist in den USA fortgeschritten. Leider sickert eine solche Einflussnahme auch nach Europa aus. Man sieht in den europäischen Medien, in deutschen Medien, nicht eine klare Antikriegsposition. Die Medien hier, die sogenannten Qualitätsmedien, versuchen die Schuldfrage zu relativieren. Sie bezichtigen inzwischen Iran, das Atomabkommen brechen zu wollen. Eine solche Kritik haben sie (die Medien) in Bezug auf USA, die das Atomabkommen wirklich gebrochen haben, bis jetzt kaum vorgetragen. Man geht mit der US-Seite sehr vorsichtig um und ist sehr leicht dabei, die iranische Seite als verantwortlich darzustellen. Deshalb ist es sehr wichtig, die Weltöffentlichkeit gegen einen Krieg einzustimmen. Glücklicherweise ist die Friedensbewegung in Deutschland sehr engagiert. Allerdings bis jetzt mit beschränkten Handlungsmöglichkeiten. Es ist zu hoffen, dass das, was im Kleinen im Moment passiert an Vorbereitung gegen einen Krieg, sich verbreitet, ausbreitet, und dass die deutsche Bundesregierung auf jeden Fall zu einer Handlung getrieben wird von der Zivilgesellschaft, die eindeutig gegen den Krieg ist.
ParsToday: Kriegstreiber sitzen möglicherweise nicht nur im Weißen Haus, sondern außerhalb dieses Hauses und sogar außerhalb der USA. Nehmen wir als Beispiel Israel und Saudi-Arabien, die immer wieder auf die Kriegstrommel schlagen. Wie ist ihr Einfluss auf die US-Außenpolitik.
Massarrat: Israel hat ganz sicher großen Einfluss. Israel ist mitverantwortlich für das Brechen des Iran-Abkommens durch die Vereinigten Staaten. Saudi-Arabien investiert enorm viel in die mediale Vorbereitung des Krieges in den Vereinigten Staaten. Das sind leider, ja, starke Kräfte, die Einfluss nehmen und möglicherweise sich erhoffen, dass ein solcher Krieg Ausmaße annimmt, die Iran so am Schluss schwächt, dass sie militärstrategisch, machtpolitisch in der Region davon profitieren. Am schlimmsten wäre, wenn ein Krieg dazu führt, dass in Iran, in verschiedenen Teilen Irans, Unruhen entstehen, dass es zu einem Verfall des iranischen Zentralstaates führt. Das ist die Hoffnung der Kriegstreiber in Israel und Saudi-Arabien. Ich bin sicher, dass dies nicht passieren wird, weil in der Verteidigung der territorialen Unversehrtheit, egal welche Sprache sie sprechen, welcher Kultur sie sich zugehörig fühlen ... das haben wir ja im Iran-Irak-Krieg gesehen. Die Iraner sind in Bezug auf die Verteidigung ihres Landes einer Meinung und sie werden Versuchen, das Territorium aufzulösen und in kleinere Einheiten aufzuspalten, widerstehen. Aber das ist leider die Absicht. Das muss man wissen. Das ist die Absicht der Leute in Saudi-Arabien und Israel, dass es am Ende so kommt, dass sie die mächtigen in der Region werden. Das alles ist leider das Ergebnis einer machtpolitischen Denkweise, der man aus Sicht nur begegnen kann, indem man die Idee der gemeinsamen Verantwortung für die Region, die regionale Kooperation, die gemeinsame Verantwortung für die Gestaltung der Sicherheit in der Region durchsetzt und selbst in Kriegszeiten, in kriegshysterischen Zeiten, diese Ideen propagiert und die Staaten in der Region zu einem friedlichen Miteinander einlädt. Auch wenn das utopisch klingt, ist es meines Erachtens Aufgabe vor allem Irans, hier diesen Friedensgedanken trotz kriegerischer Atmosphäre einzubringen, um der Machtlogik und Kriegstreiberei etwas Positives entgegenzusetzen und der Weltöffentlichkeit Alternativen aufzuzeigen.
ParsToday: Nochmal zum Abschuss der US-Drohne. In dieser Sache gibt es zwei unterschiedliche Darstellungen. Iran betont, die Drohne sei in die iranische Lufthoheit eingedrungen und abgeschossen worden. Die USA widersprechen. Wie ist die Beweislage?
Massarrat: Soweit man das von der Ferne und durch indirekte Informationen verfolgen kann, hier muss letztlich auch die Logik helfen, die Wahrheit zu finden. Ich glaube kaum, dass die iranische Luftwaffe in der Lage gewesen wäre, die Drohne auf eigenem Territorium zu fixieren und zu präsentieren, wenn die Drohne nicht in die iranische Lufthoheit eingedrungen wäre. Im Persischen Golf wäre das Material in den Golf gefallen, auf saudi-arabischen Boden. Auf dem Boden iranischer Nachbarstaaten wäre es unmöglich gewesen für die iranische Seite, die Trümmer der Drohne zu holen. Das ist unlogisch, das ist unmöglich. Also ich glaube eher die Darstellung der iranischen Seite aufgrund logischer Argumentation.
ParsToday: Vor dem Abschuss entsandten die USA tausend weitere Soldaten in die Region des Persischen Golfs. Heißt das nicht, dass Washington sich bereits auf einen Militärschlag gegen den Iran vorbereitete?
Massarrat: Sicherlich ist es so, dass die Kriegstreiber es ernst meinen, dass auf der anderen Seite Trump mit seiner Zustimmung, auch wenn er selbst noch nicht den Krieg will, auf diese Weise den Druck militärischer Art auf die iranischer Seite, auf den Iran, massiv erhöht, um seine Ziele gegen Iran durchzusetzen und möglicherweise auch jetzt schon die anti-iranische Haltung, die sich jetzt militärisch ausartet, in seinem Wahlkampf für die Wiederwahl einzubetten. Das ist ein zusätzlicher Faktor, der sicherlich die Wahrscheinlichkeit eines Krieges erhöht. Trump hat noch nicht die Sicherheit, die wiedergewählt zu werden. Es ist nicht sicher. Von daher ist die Neigung des amerikanischen Präsidenten die kommende Präsidentschaftswahl zu gewinnen durch eine kriegerische Intervention gegen ein anderes Land immer sehr groß. Das hat auch George W. Bush versucht. Es gibt viele Beispiele. Auch Clinton hat versucht durch einen Krieg, sowohl gegen Irak wie auch gegen Sudan, seine Popularität zu erhöhen. Leider ist das ein Faktor, der unkontrollierbar ist, es sei denn, die Weltöffentlichkeit stellt sich so eindeutig dagegen, dass Trump es nicht wagt, einen Krieg gegen Iran für die eigene Wiederwahl zu instrumentalisieren.
ParsToday: Herr Professor Massarrat, erlauben Sie mir noch eine letzte Frage. Wie sehen Sie die weiteren Entwicklungen in den Beziehungen zwischen Teheran und Washington?
Massarrat: Ich glaube, dass Iran gute Gründe hat, in die Offensive zu gehen und Gesprächsbereitschaft in Erwägung zu ziehen, weil Iran immer noch als Bedingung für Gespräche einbringen kann - die verständlich ist, die Verständnis hervorruft in der Weltöffentlichkeit - z.B. die Bereitschaft der USA über Abrüstung im Mittleren und Nahen Osten zu reden, vor allem die Abschaffung von Massenvernichtungswaffen. Das ist ein legitimer Wunsch der iranischen Seite. Das betrifft dann auch die Monopolsituation von Israel, zeigt aber in eine andere Richtung, in eine andere Perspektive. Iran könnte mit einer solchen Gesprächsbedingung die Weltöffentlichkeit auf seine Seite ziehen, weil jeder heute versteht, dass alle Konflikte in der Region damit zu tun haben, dass seit 20-30 Jahren von außen in die Region für Aufrüstung und Krieg investiert worden ist, und hingegen nicht die moralisch und faktisch mächtige Strategie der gemeinsamen Kooperation der Abrüstung, der Abschaffung von Massenvernichtungswaffen in der Region thematisiert worden ist. Deswegen würde ich mir persönlich wünschen, dass sich Iran auf ein Gespräch unter einer solchen Bedingung einlässt.
ParsToday: Vielen Dank, Herr Prof. Massarrat, für diese Einschätzung!
Massarrat: Ich dankte Ihnen, Herr Shahrokny!