Warum gerät der Kolonialismus nicht in Vergessenheit?
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Das algerische Parlament
ParsToday- Das algerische Parlament hat erstmals mit der Prüfung eines Gesetzentwurfs begonnen, der den französischen Kolonialismus in Algerien von 1830 bis 1962 kriminalisieren soll.
Die Erwägung dieses Gesetzentwurfs nach mehr als sechs Jahrzehnten der Unabhängigkeit des Landes ist nicht nur eine rechtliche oder symbolische Initiative, sondern auch ein bedeutendes Zeichen dafür, dass die „koloniale Erinnerung“ wieder in den Mittelpunkt der politischen und diplomatischen Konflikte zwischen Algerien und Frankreich rückt.
In einer Zeit, in der die Beziehungen zwischen den beiden Ländern eine ihrer angespanntesten Phasen erleben, stellt diese Aktion, anstatt sich auf die Vergangenheit zu konzentrieren, die Zukunft der algerisch-französischen Beziehungen und sogar die Art und Weise, wie Europa mit dem Erbe des Kolonialismus umgeht, direkt infrage.
Der direkte europäische Kolonialismus endete offiziell insbesondere nach dem Zweiten Weltkrieg, vor allem aber in den 1950er und 1960er Jahren. Doch das Ende des Kolonialismus bedeutete nicht das Ende seiner Folgen. Die Erfahrungen afrikanischer, asiatischer und lateinamerikanischer Länder zeigen, dass der Kolonialismus in Form ungleicher Wirtschaftsstrukturen, sicherheitspolitischer Abhängigkeiten und sozialer Spaltungen auch nach der politischen Unabhängigkeit fortwirkte. Aus diesem Grund ist die Erinnerung an den Kolonialismus eines der sensibelsten und herausforderndsten Themen in den Beziehungen zwischen den ehemaligen Kolonien und den europäischen Kolonialmächten – insbesondere Frankreich und Großbritannien.
In diesem Kontext nimmt der Kolonialismus in Algerien eine besondere Stellung ein. Von 1830 bis 1962 regierte Frankreich Algerien nicht nur als Kolonie, sondern als Teil seines Territoriums. Dieses Projekt basierte auf territorialer Annexion, der Ansiedlung der europäischen Bevölkerung und der systematischen Auslöschung der indigenen Identität. Der algerische Unabhängigkeitskrieg mit über anderthalb Millionen Opfern war einer der gewaltsamsten Dekolonisierungsprozesse des 20. Jahrhunderts. Diese Erfahrung hat die Beziehungen zwischen den beiden Ländern nachhaltig geprägt und einen bis heute andauernden Konflikt verursacht. Der derzeit vom algerischen Parlament beratene Vorschlag ist ein Versuch, das historische Schweigen zu durchbrechen.
Die Aussage des algerischen Parlamentspräsidenten, das Gesetz richte sich nicht gegen das französische Volk, sondern diene der Darstellung der historischen Wahrheit, zeigt, dass das Hauptziel darin besteht, die französische Regierung zur Übernahme der politischen, moralischen und rechtlichen Verantwortung für die Folgen des Kolonialismus zu zwingen.
Die strukturellen Verbrechen des Kolonialismus – von Massenmorden und Hungersnöten bis hin zu Sklaverei, der Plünderung von Ressourcen und der Zerstörung von Kulturen – werden im offiziellen europäischen Diskurs häufig marginalisiert oder als geringfügige historische Fehler dargestellt. Dieser Dualismus ist kein Zufall, sondern das Ergebnis politischer und wirtschaftlicher Kalkulationen. Die uneingeschränkte Anerkennung kolonialer Verbrechen könnte schließlich eine Welle von Klagen und finanziellen Entschädigungszahlungen nach sich ziehen und eine Überprüfung der ungleichen Beziehungen zwischen Nord und Süd erfordern. Vor diesem Hintergrund stellt der Gesetzentwurf im algerischen Parlament, der die Kriminalisierung des französischen Kolonialismus zum Ziel hat, eine Herausforderung dar, die über die bilateralen Beziehungen zwischen Algerien und Frankreich hinausgeht. Er hinterfragt die offizielle europäische Geschichtsschreibung und betont, dass Verbrechen gegen die Menschlichkeit unabhängig von geografischer Lage und Identität der Opfer nicht dem Lauf der Zeit unterliegen. Solange europäische Regierungen historische Verantwortung selektiv definieren, wird der Kolonialismus eine offene Wunde in den Nord-Süd-Beziehungen bleiben. Eine Wunde, die bei jeder politischen oder diplomatischen Krise wieder aufbricht.