Die Welt nach Covid-19 (1)
Nach Ausbruch von Covid-19 im chinesischen Wuhan im Dezember 2019 verbreitete sich das neuartige Virus unaufhaltsam in wenigen Wochen auf alle Länder. Es hat überall das gewohnte Leben aus dem Gleichgewicht gebracht und verursacht ernsthafte Probleme im Bereich der Wirtschaft, Gesellschaft und Politik.
Die Corona-Pandemie ist die erste große Epidemie nach der schlimmsten weltweiten Influenza- Epidemie von 1918. Die Corona-Pandemie wird elementare Nachwirkungen auf internationale Entwicklungen haben, so dass von einer post-Corona-Ära die Rede sein wird. Alle Welt macht nun eine Erfahrung wie sie sie seit 100 bis 200 Jahren nicht mehr gegeben hat. Angesichts der Globalisierung und der Revolution im Kommunikations- und Informationswesen, der vorherrschenden Rolle des Cyber-Raumes im Leben der Weltbewohner sowie der Verbindung zwischen den Ländern und den regionalen Blöcken hat die Verbreitung von Corona uns mit einer bislang nie dagewesenen Situation auf der Welt konfrontiert. Diese Zeit wird als Corona-Ära in Erinnerung bleiben.
Aber was nun einige Denker und Theoretiker besonders beschäftigt ist die Frage, wie die Welt nach Corona aussehen wird. Aus ihrer Sicht wird sie jedenfalls sehr verschieden sein von der jetzigen Welt. Seyyed Hasan Nasrollah, der Anführer der libanesischen Hisbollah-Bewegung ist der Ansicht, dass die Folgen der Corona-Ära noch größer sein werden als die des Ersten und Zweiten Weltkriegs und möglicherweise zu einer neuen Weltordnung führen werden. Er begründet dies damit, dass die Corona-Krise die ganze Welt umfasst und Debatten im Bereich der Kultur, Religion, Philosophie und der Überzeugungen angestoßen hat. Er sagt: „Wir wissen nicht, ob die Vereinigten Staaten von Amerika weiter vereint bleiben werden oder ob die Europäische Union bestehen bleiben wird!“
Genauso wie die Corona-Pandemie einmalige Störungen im Alltagsleben und der Wirtschaft der Länder und der Welt verursacht und die Kompetenz der Regierungen einer Beurteilung ausliefert, scheint sie auch einen nachhaltigen Wandel auf dem Gebiet der politischen und wirtschaftlichen Machtpositionen zu verursachen.
Die politische und gesellschaftliche Lage der post-Corona-Ära wird sehr verschieden von der aktuellen Situation sein. In Wirklichkeit sind alle internen und externen Bereiche des Gesellschaftslebens von den Auswirkungen der Pandemie betroffen. Während die Bekämpfung von Covid-19 regionale und internationale Gespräche und Kooperationen unumgänglich werden lässt, gehen viele Staaten jedoch auf vollkommen nationalen Kurs. Dadurch wächst der Nationalismus wieder und die Regierungen konzentrieren sich verstärkt auf inländische Probleme. Dies hat ein Auseinandertreiben der Länder und eine beschleunigte Auflösung von regionalen Blöcken wie die Europa Union zur Folge.
Der amerikanische Politikwissenschaftler Stephan Walt vertritt jedenfalls die Meinung, dass die weltweite Verbreitung von Corona die Rolle der Nationalregierungen und des Nationalismus stärken wird. Er ist der Ansicht, dass die Regierungen, welcher Art auch immer, die notwendigen Notmaßnahmen zum Krisen-Management ergreifen werden und wahrscheinlich nach Ende der Krise wegen ihrer eigenen Interessen weiter an einem nach innen gerichteten Vorgehen festhalten. Die Europäer haben nach Ausbruch von Covid 19 die bittere Erfahrung gemacht, dass jedes europäische Land seinen eigenen Weg geht und keinen Wert darauf legt, gemeinsame Maßnahmen zur Bekämpfung des Virus zu ergreifen. Auf diese Weise wurde deutlich, dass das Leitmotto der Europäischen Union in Vielfalt geeint und der gemeinsame Wunsch einer Zusammenarbeit in Richtung Wohlstand und Frieden, nur solange Beachtung finden, wie die nationale Sicherheit und das nationale Wirtschaftswohl nicht gefährdet werden. Der französische Staatspräsident Manuel Macron hat bereits angedeutet, dass die europäische Idee in Gefahr geraten ist und vom Tod von Schengen gesprochen. Er warnte seine Amtskollegen in der EU und sagte, sollten die anderen Länder nicht die notwendige Solidarität bei der Bewältigung der Corona-Krise zeigen, so würde dies zum Einsturz der Hauptpfeiler der EU wie Schengen, welches die Abschaffung der Binnengrenzen bedeutet, führen.
Die Corona-Pandemie macht außerdem die Inkompetenz vieler Regierungen in Bezug auf ein Katastrophen-Management deutlich. Dies zeigt sich besonders in den USA. Präsident Trump hat zu Beginn der Verbreitung des Virus dessen Gefahr völlig verharmlost und versäumt, die notwendigen Verhütungsmaßnahmen zu ergreifen, so dass sein Land inzwischen die höchste Zahl an Corona-Infizierten weltweit aufweist.
Die offensichtliche Unfähigkeit einiger Regierungen, die heikle Situation in den Griff zu bekommen hat zu Vertrauensverlust geführt und wird sich in Zukunft in Form der Abnahme ihrer Legitimierung durch die Bevölkerung äußern. Zugleich ist voraussehbar, dass in der post-Corona-Ära der Schutz der Privatsphäre an Stellenwert verlieren wird, und zwar wegen der gesteigerten staatlichen Überwachung des Cyber-Raumes. Die amerikanische Stiftung für elektronische Grenzen EFF , eine NOG in den Vereinigten Staaten, die sich für die Grundrechte im Informationszeitalter einsetzt, erklärte, dass die Regierungen außerordentliche Beaufsichtigungsbefugnisse zur Eindämmung von Covid 19 fordern und solche Befugnisse einen Übergriff auf das Privatleben bedeuten können. Es würde auf diese Weise möglicherweise das Recht auf freie Meinungsäußerung beschnitten.
Die Corona-Pandemie wird eventuell den Untergang bereits angeschlagener Demokratien in Europa beschleunigen. Europa sah sich in den letzten Jahren Flüchtlingskrisen, einer Zunahme von rechtsorientierten Bewegungen, Parteien und Politikern ebenso gegenüber wie einer Alterung der Gesellschaft und Wirtschaftskrisen. Diese Dinge haben die Grundlagen des Vereinten Europas ins Schwanken gebracht. Da die EU bei der Bekämpfung der Epidemie Misserfolge geerntet hat, steigt die Wahrscheinlichkeit sozialer Unruhen auf diesem Kontinent und eines vollständigen Abbruchs der europäischen Konvergenz. Dadurch wird die Machtübernahme von Parteien begünstigt werden, die die EU ablehnen. Die Machtübernahme von radikalen Vertretern der Rechten wie Marin Le Pen in Frankreich und Matteo Salvini in Italien bliebe keine reine Phantasievorstellung mehr. Jedenfalls werden die rechtsradikalen Tendenzen in Europa gestärkt und nach dem EU-Austritt Britanniens kann es durchaus sein, dass einige Länder insbesondere Italien nach Ende der Corona-Pandemie ebenso die EU verlassen wollen.
Auch in den USA wird die Corona-Epidemie während der Kontrolle über die wirtschaftlichen und sozialen Folgen der Corona-Krise zur Machtballung in der Hand der Zentralregierung führen und daher denken einige Analytiker dieses Landes, dass Donald Trump im Amt bleiben könnte. 2016 hat er mit seinen einwandererfeindlichen und rechtsorientierten Parolen und dem Spruch America first die Wahlen gewonnen und danach, aufgrund seiner unilateralen Anti-Globalisierungspolitik, den Austritt aus verschiedenen internationalen und regionalen Verträgen und Organisationen erklärt. Trump hat offen seine Ablehnung der Globalisierung kundgegeben und im Inland sein Machtstreben demonstriert. Aber die Corona-Epidemie verdeutlicht die negativen Folgen seiner Politik.
Gemäß dem amerikanischen Politikwissenschaftler Joseph Nye hat Covid 19 deutlich gemacht, dass die nationale Sicherheitsstrategie Trumps nicht ausreicht und dass die USA sich nicht nur auf die eigene Macht stützen können. Er sagte: „Die USA müssen die Zusammenarbeit gegenüber zukünftigen Bedrohungen und den Einsatz der Macht zusammen mit anderen Akteuren erlernen.“ Er stellte fest, den USA sei es nicht gelungen, ihre Strategie der neuen Welt anzupassen.
Es ist unwahrscheinlich, dass Trump bei Wiederwahl eine andere als die jetzige Politik betreiben wird. Aber die Weiterführung dieser Politik wird die internationale Position der USA, im Gegensatz zu seinen Parolen, noch mehr schwächen, und nach Ansicht von einigen wird die USA nach der Corona-Epidemie nicht mehr als internationale Führungsmacht betrachtet werden..
Die Angst vor der Verbreitung des Corona-Virus wirkt sich voraussichtlich verändernd auf die Einstellung im Westen aus. Die Befürwortung der Demokratie, des Liberalismus und der gesellschaftlichen und bürgerlichen Einrichtungen könnte zugunsten der Regierungen nachlassen. Während die USA aufgrund der Politik ihres Präsidenten sich von den internationalen Fragen zurückziehen, wird Europa vermutlich seine Beziehungen zu Russland und China ausbauen, was zu einem Verlust der europäischen Werte beitragen wird.
In der post-Corona-Ära wird höchstwahrscheinlich die internationale Zusammenarbeit verblassen und der Konkurrenzkampf auf der Weltbühne zunehmen. Bereits die Influenza-Pandemie im Jahre 1918 konnte nicht den Konkurrenzkampf zwischen den großen Mächten beenden. Genauso wenig wird Covid 19 dies bewirken.
Covid 19 wirkt sich negativ auf die Globalisierung aus. Denn die Bürger jeden Landes befürworten die Erstarkung ihrer eigenen Regierung, damit diese die notwendigen Schutzmaßnahmen ergreift. Die Regierungen werden widerum ihrerseits nach Steigerung ihrer Macht zur Konfrontation mit bevorstehenden Gefahren und Bedrohungen suchen. Dieses internationale Auseinandertreiben und die erneute Konzentration auf Nationalregierungen wird die internationale Solidarität vermindern. Außerdem lässt das Versagen hinsichtlich internationaler Einmütigkeit gegenüber der Corona-Pandemie die Schwächen bei der internationalen Zusammenarbeit zu Tage treten, abgesehen davon dass sich die Anführer internationaler Mächte, insbesondere USA und China gegenseitig für den Ausbruch von Corona verantwortlich machen.
Einige führen die fehlende internationale Zusammenarbeit für eine wirksame Bekämpfung der Pandemie auf das Vorgehen der Trump-Regierung und die Zunahme von nationalistischen politischen Führern und Populisten auf der Welt zurück. Heather Conley Vicepräsidentin des amerikanischen Zentrums für strategische und internationale Studien spricht von einem Auftreten der Corona-Pandemie inmitten eines Zerstörungsprozesses der internationalen Zusammenarbeit in den letzten dreieinhalb Jahren.
Kurzum: Das tödlichen Virus hat in Verbindung mit einer unzureichenden Planung und einer inkompetenten Führung die Menschheit in eine neue besorgniserregende Bahn geraten lassen. Richard Nathan Haass, seit 2003 Präsident des US- Rates für Auswärtige Beziehungen, ist der Ansicht, dass es für alle Staaten schwierig sein wird die Folgen der Corona-Pandemie zu bewältigen. Er sagt voraus, dass es immer mehr erfolglose und leistungsunfähige Regierungen geben wird. Nach seiner Meinung werden sich die Beziehungen zwischen China und den USA verschlechtern. Die europäische Konvergenz werde unter der Situation leiden und das Interesse an der Globalisierung werde zurückgehen. Nur das internationale Gesundheitswesen werde sich verbessern.
An den Entwicklungen ist abzulesen, dass der Corona-Virus eine Welt heraufbeschwört, die weniger offen und frei und erfolgreich ist und anstelle in Richtung Völkergemeinschaft in Richtung Nationalismus und nationaler Erstarkung und gesteigerter Sicherheitsmaßnahmen und abnehmenden Interesse an internationalen Beziehungen und Kooperationen tendiert.