Anlässlich der Würdigung von Hakim Umar Khayyam
Der 28. Ordibehescht (dieses Jahr der 17. Mai) ist der Tag, an dem des bekannten iranischen Dichters Umar Khayyam gedacht wird. In seiner Geburtsstadt Neyschabur im Nordosten Irans finden aus diesem Anlass Gedenkfeiern statt
Khayyam-Kenner und Denker werden über diesen iranischen Weisen und seine Denkweise sprechen, der wie folgt dichtete:
„O Schenk, wie heiter sind Blüten und Blätter geworden
Merk dir, nächste Woche sind sie zu Staub geworden.
Trink Wein, pflück eine Blume, denn unversehens
Ist die Blüte Staub, das Blatt zu Laub geworden.“
ساقی, گل و سبزه بس طربناک شده است
دریاب که هفته دگر خاک شده است
برخیز و گلی بچین که تا درنگری
گل خاک شده است و سبزه خاشاک شده است
Hakim Umar Khayyam Neyschaburi ist Philosoph und Mathematiker, Astronom, Autor und Dichter gewesen und hat Ende des 5. Jahrhunderts und Anfang des 6.Jahrhunderts nach der Hidschra (11. Bis 12. Jahrhundert nach Christus) gelebt. In den Augen der Khayyam-Kenner war er ein kluger und zeitbewusster Mensch, was in seinen Gedichten Niederschlag findet.
Sowohl wegen seiner wissenschaftlichen Werke als auch seiner Dichtung wurde Khayyam weltbekannt und seine mathematischen Thesen werden heute noch untersucht und genutzt und seine Erkenntnisse in der Sternkunde von Astronomen bestätigt. Doch am meisten wurde Khayyam durch seine Dichtung berühmt. Der amerikanische Dichter James Russel Lowell (1819-1891) hat die Vierzeiler von Khayyam „Perlen aus dem Meer persischen Denkens“ genannt.
Die Vierzeiler von Khayyam wurden zum ersten Mal 1859 von dem Engländer Edward Fitzgerald ins Englische übertragen und machten Khayyam weltberühmt. Auch ihr Übersetzer gelangte dadurch zu Weltruf. Seitdem sind diese Vierzeiler immer wieder aufgelegt worden und hat man zahlreiche Artikel und Bücher über sie verfasst.
Khayyam vertritt in der Farsi-Literatur eine besondere Denkschule und Weltanschauung. Er ist die Stimme der Dichter und Denker, die notgedrungen schweigen. Einige haben sogar unter seinem Namen eigene Gedichte geschrieben. Die Khayyam-Kenner sehen in ihm nicht nur eine historische Persönlichkeit sondern den Sprecher einer literarischen Schule. Khayyam ist ein Gelehrter, dem sich viele Fragen stellen und der schließlich begreift, dass das menschliche Wissen unvollkommen ist. Er gelangt an einen Punkt an dem ihn das, was er nicht weiß, gegenüber den Geheimnissen des Daseins nur noch staunen lässt und diese Verwunderung fließt in seine Vierzeiler ein. Seine Vierzeiler können oft mehr als ein ausführliches Buch Gefühle und Gedanken weitergeben. Seine Vierzeiler scheinen kurz aber ihr Inhalt geht über sie hinaus. Sie sind die Stimme eines Herzens auf der Suche nach der Wahrheit.
Es gibt wohl kaum einen, der nicht in dieser Daseinswelt schon einmal ratlos gewesen wäre und nicht über die Schöpfung gerätselt hätte. Noch Jahrhunderte nach Khayyam hat die Menschheit in seinen Vierzeilern einen Ruf erklingen hören den sie hören muss. Denn das Verlangen von Khayyam zu verstehen, was auf der Welt geschieht, ist nicht nur ein Wunsch von ihm. Schon vor ihm gab es Menschen, die danach verlangten und es gibt sie auch nach ihm bis ans Ende der Welt.
Khayyam führt die zahllosen Fragen der nachdenklichen Menschen die es jederzeit und allerorts gegeben hat in seinen Gedichten an, auch wenn er selber für viele davon eine Antwort gefunden hat. In seinen kurzen aber tiefsinnigen Vierzeilern spricht er über alle wichtigen und unklaren Fragen der Philosophie, welche den Menschen in allen Epochen verwirrt haben und er spricht von den Rätseln, die ungelöst bleiben. Er lässt die trockene Sprache der Philosophie stehen und wendet sich lieber der zarten Sprache der Dichtung zu. Es ist ihm gelungen, die verborgenen Wunden des menschlichen Geistes in seiner Dichtung zu berühren.
„Das Urgeheimnis liest nicht du noch ich.
Die Rätselschrift erschließt nicht du noch ich.
Hinter dem Vorhang klingt`s von Ich und Du
Doch hebt sich dieser, bist nicht Du noch ich.“
Wie jeder Weise wird Khayyam von den Denkströmungen seiner Zeit beeinflusst und reagiert auf sie. Viele der Gedanken, die er in seinen Vierzeilern zum Ausdruck bringt, können als Reaktion auf die zeitgenössischen Denkströmungen verstanden werden:
„Und kann auch keiner mit der Wahrheit prunken,
Sitz doch nicht da in Zweifel stets versunken:
Such deinen Trost im Becher, denn im Rausche
Vergisst man, ob man nüchtern oder trunken.“
چون نیست حقیقت و یقین اندر دست
نتوان به امید و شک همه عمر نشست
هان تا ننهیم جام می از کف دست
در بی خبری مرد چه هشیار و چه مست
In der Dichtung von Khayyam begegnet der Leser oder Zuhörer immer wieder bestimmten Themen. Diese Themen scheinen Khayyam am meisten beschäftigt zu haben und er hat sie auf verschiedene Weise dargelegt. Die wichtigsten Dinge in den Vierzeilern von Khayyam sind die Vergänglichkeit des Lebens, die Hervorhebung der Gegenwart und die Wertschätzung der Gelegenheiten, sowie Zweifel und Verwirrtheit, der Tod und das Ewige Leben und die Berauschung.
Diese Inhalte bilden die Schwerpunkte in der Denkweise Khayyams. Seine Botschaft ist die Botschaft vieler anderer großer Denker vor und nach ihm. Von den schmerzlichen Gedanken, die Khayyam beschäftigen, werden eigentliche alle Menschen besonders die Philosophen heimgesucht. Aber es sind nicht nur die Inhalte seiner Dichtung, die ihn unter den Vertretern dieser Denkweise hervortreten lassen, sondern es ist die Art, wie er diese Inhalte herüberbringt.
Khayyam setzt sich unentwegt mit wichtigen Fragen des Daseins auseinander. Trotz seines großen Wissensschatzes kann er viele Fragen nicht beantworten und viele Rätsel nicht lösen. Dies spornt ihn an, nach Erkenntnis zu streben. Es quält ihn ein innerer Drang, welcher die Sprache der Philosophie und Wissenschaft nicht auszudrücken vermag. Also nimmt er die Sprache der Poesie zur Hilfe. Khayyam holt seine brennenden Gefühle aus der verborgenen Tiefe seiner Seele in das Reich der Sprache. Erst versucht er die Vernunft zur Hilfe zu nehmen, doch dann steht ihm die Flut der Gefühle mit aller Kraft bei, damit er seine geistigen Erkenntnisse in den Vierzeilern verbildlicht.
Khayyam stellt in vielen seiner Vierzeiler Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nebeneinander. Geschickt bringt er das Beispiel vom Krug und vom Lehm, um drei wichtige Dinge nämlich das Werden, Sein und Sterben darzustellen. Der Heilige Koran lehrt uns, dass Gott den Menschen aus Lehm erschaffen hat und Er dem Menschen dann von Seinem Geist einhauchte. Diese vergängliche Natur des Lehms die unser stoffliches Leben formt, soll uns immer daran erinnern, wie vergänglich auch die auf das weltliche Leben ausgerichteten Bemühungen sind.
Khayyam drückt es inhaltlich wie folgt aus:
„Es ist ein Becher, den der erschaffende Genius formt mit Seiner Hand
Hundert zärtliche Küsse drückt er auf des Bechers Rand
Dieser kosmische Töpfer erzeugt einen Becher feinster Art
Den er dann wieder am Boden zerschlägt kurzerhand.“
جامی است که عقل آفرین میزندش
صد بوسه زمهر بر جبین میزندش
و این کوزهگر دهر چنین جام لطیف
میسازد و باز بر زمین میزندش
Khayyam hat die Vergänglichkeit des Lebens hervorgehoben und deshalb sind einige der Ansicht, dass er zum Nihilismus neigte und sie meinen, dass er als Konsequenz die Suche nach dem Vergnügen befürwortet.
Aber Khayyam deutet auf eine Wahrheit hin, die im Koran verbrieft ist. In den Versen 25 und 26 der Sure 55 (Ar Rahman) wird auf die Unbeständigkeit aller Dinge, mit Ausnahme der Wahrheit Gottes, hingewiesen, denn es heißt dort:
„Alle, die auf ihr (der Welt) sind, werden vergehen“
„ bleiben wird (nur) das Angesicht deines Herrn, Besitzer der Erhabenheit und Ehre.“
Khayyam hat also die Unbeständigkeit der Welt betont, um die Wahrheit es einzigen ewigen Wesens hervorzuheben.
Khayyam glaubt an die Existenz Gottes und er hat sie in keinem seiner Vierzeiler abgelehnt. Darüber hinaus schätzt er auch den Frohsinn und die Liebe, doch nicht im Sinne von hemmungslosen Vergnügungen.
Vielmehr unterstreicht er, dass der Mensch jeden Augenblick des Lebens nutzen soll. Da das Leben unbeständig ist und voller Leiden, sollte der verständige Mensch sich der Kostbarkeit des gegenwärtigen Augenblickes bewusst werden. Daher rät Khayyam:
„Denk nicht der Zeiten, die vergangen sind,
und fürcht dich dessen nicht, was erst beginnt.
Freu`dich von Herzen der paar Tage hier
Und schlag dein Leben niemals in den Wind.
از دی که گذشت هیچ از او یاد مکن
فردا که نیامده ست فریاد مکن
برنامده و گذشته بنیاد مکن
حالی خوش باش، عمر بر باد مکن.
Khayyam hat begriffen, dass der Mensch oftmals nur deswegen leidet, weil er an etwas hängt oder von etwas Besitz ergreifen will. Khayyam lehrt uns gewisse Weisheiten für ein Umdenken und für die Erkenntnis, dass wir uns auf die Gegenwart konzentrieren müssen.
Was dir die Zukunft bringt, das frage nicht,
Und die vergangne Zeit beklage nicht.
Allein das Bargeld "Gegenwart" hat Wert,
Nach dem, was war und sein wird, frage nicht.
Die hohen Gedanken Khayyams, welche er in einfache Worte kleidet, sind auch noch nach Jahrhunderten zu hören und regen zum Nachdenken an. Seine Vierzeiler spiegeln seinen suchenden Geist wieder, der die Welt auf eine besondere Weise sieht. Sie verewigen seine Gedanken über das Schicksal des Menschen.