Beispiellose Spaltung unter Zionisten: Ehemaliger israelischer Kriegsminister nennt Netanjahu einen „Lügner“
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Teheran (ParsToday) – Zwischen Benjamin Netanjahu und Yoav Galant, zwei zentralen Figuren der israelischen Politik, ist ein offener und bislang beispielloser Konflikt über die Verantwortung für das Scheitern vom 7. Oktober 2023 entbrannt.
(last modified 2026-02-14T07:11:20+00:00 )
Feb 13, 2026 16:33 Europe/Berlin
  • Ehemaliger israelischer Kriegsminister nennt Netanjahu einen „Lügner“
    Ehemaliger israelischer Kriegsminister nennt Netanjahu einen „Lügner“

Teheran (ParsToday) – Zwischen Benjamin Netanjahu und Yoav Galant, zwei zentralen Figuren der israelischen Politik, ist ein offener und bislang beispielloser Konflikt über die Verantwortung für das Scheitern vom 7. Oktober 2023 entbrannt.

Die politische und sicherheitspolitische Krise in den besetzten Gebieten hat sich seit den Ereignissen vom 7. Oktober 2023 nicht abgeschwächt, sondern ist in eine neue, tiefere Phase eingetreten. Was zunächst als militärisches und nachrichtendienstliches Versagen historischen Ausmaßes galt, hat sich inzwischen zu einem umfassenden Streit um Deutungshoheit und Verantwortlichkeit entwickelt.

Der 7. Oktober markierte aus Sicht vieler Beobachter nicht nur einen blutigen Tag, sondern auch den Zusammenbruch eines zentralen sicherheitspolitischen Selbstverständnisses Israels. Die Operation des palästinensischen Widerstands durchbrach Verteidigungs- und Geheimdienststrukturen und löste in der israelischen Öffentlichkeit eine anhaltende Debatte über politische Verantwortung aus.

Beginn der Differenzen: Vom Kabinett zur Entlassung

Die Spannungen zwischen Netanjahu und Galant wurzeln in eben diesem Ereignis. Während mehrere Militär- und Geheimdienstvertreter Verantwortung für das Versagen übernahmen, wies Netanjahu eine direkte persönliche Verantwortung zurück und verwies auf Entscheidungen des Militärs sowie früherer Regierungen.

Galant, der zu diesem Zeitpunkt als Kriegsminister fungierte, befand sich in einer schwierigen Doppelrolle. Zwar bestanden Differenzen bereits vor dem 7. Oktober, doch seine Entlassung Ende 2024 gilt als Wendepunkt, der den Konflikt offen eskalieren ließ.

55-seitiges Dokument: Versuch einer Neubewertung der Ereignisse

Neue Dynamik erhielt die Auseinandersetzung durch die Veröffentlichung eines 55-seitigen Dokuments durch Netanjahu. Darin legte er seine Darstellung der Vorgeschichte des 7. Oktober dar und veröffentlichte ausgewählte Auszüge aus sicherheitspolitischen Protokollen.

Netanjahu stellte sich darin als warnende und entschlossene Führungspersönlichkeit gegenüber der Hamas dar und warf anderen Akteuren vor, Bedrohungen unterschätzt zu haben. Beobachter bewerten das Dokument weniger als transparente Aufarbeitung denn als Versuch, Verantwortung auf Militär und Sicherheitsapparate abzuwälzen.

Galant: „Netanjahu ist ein Lügner“

Galant reagierte ungewöhnlich scharf. In einem Fernsehinterview bezeichnete er den Premierminister offen als „Lügner“ und warf ihm vor, in einer Phase, in der israelische Soldaten im Einsatz ums Leben kamen, primär um seine eigene politische Zukunft besorgt gewesen zu sein.

Die Veröffentlichung des Dokuments sei ein kalkulierter Schritt gewesen, um die öffentliche Meinung gegen Militärführung und Inlandsgeheimdienst zu mobilisieren. Netanjahu versuche, Kabinettsmitglieder gegen ranghohe Offiziere aufzubringen, um sich der Verantwortung zu entziehen.

Rafah als weiterer Streitpunkt

Ein zusätzlicher Konfliktpunkt betrifft die Frage eines militärischen Vorgehens in Rafah. Netanjahu führte Verzögerungen auf Bedenken des Militärs zurück. Galant widersprach dem entschieden und verwies auf Ausrüstungsmängel sowie die Priorisierung der Nordfront.

Ein besonders vielzitierter Satz Galants lautete, Netanjahus Priorität gelte „zuerst ihm selbst, dann dem Kabinett und erst danach Israel“. Auch die Darstellung Netanjahus, wonach die USA für Munitionsengpässe verantwortlich seien, wies Galant zurück.

Wahlpolitischer Hintergrund: Kampf um die öffentliche Meinung

Der Zeitpunkt von Galants öffentlichem Auftritt gilt als politisch bedeutsam. Die besetzten Gebiete stehen vor Wahlen, das politische Klima ist stark polarisiert. Umfragen deuten darauf hin, dass ein erheblicher Teil der zionistischen Öffentlichkeit ein Ende der Ära Netanjahu befürwortet.

In diesem Umfeld gewinnt der Kampf um die Deutung der Ereignisse zusätzliche Bedeutung. Galant positioniert sich als Insider, der vorgibt, die Wahrheit nicht länger verschweigen zu wollen.

Was sich derzeit abzeichnet, ist nach Einschätzung vieler Analysten nicht nur ein Wahlkampfkonflikt, sondern eine Auseinandersetzung um kollektive Erinnerung und historische Verantwortung. Manche ziehen Parallelen zu den Folgen des Krieges von 1973, weisen jedoch darauf hin, dass die Erschütterungen vom 7. Oktober als tiefer und nachhaltiger wahrgenommen werden.

Das Ereignis hat das Bild von Militär und politischer Führung Israels schwer beschädigt und das öffentliche Vertrauen deutlich geschwächt. Der Streit um die Deutungshoheit dürfte daher weitergehen – mit der offenen Frage, welche Version sich langfristig im gesellschaftlichen Bewusstsein durchsetzen wird und wer letztlich die politische Verantwortung für die schwerste Krise in der Geschichte dieses Regimes tragen muss.